19. Mai 2012 - 2:04 / Archiv 

Nomaden haben Hochkonjunktur. Schlagwörter wie Mobilität und Flexibilität fließen wie selbstverständlich durch unsere (post-)modernen Diskurslandschaften. Sie artikulieren sich in ständig wechselnden Arbeitsverhältnissen, Freizeitstress und laufenden Projekten an unterschiedlichen Orten, quellen in Form unaufhörlich aktualisierter Informationen aus dem World Wide Web, diffundieren als Gespräche einer global vernetzten und mobilen Kommunikation und manifestieren sich in Form flexibler Holzregal-Cluster in unseren Wohnzimmern.

Doch was hat die Beweglichkeit der Nomaden mit den Mobilitätszwängen der (post-)modernen Sesshaften zu tun? Ist "ihre" Mobilität nicht eine Überlebensstrategie und "unsere" eine Zeitgeisterscheinung? Welche Bilder entwerfen Künstler, die sich nomadische Methoden zu eigen gemacht haben?

Fragen wie diese wirft die Gruppenausstellung "Wahlverwandtschaften. Imaginationen des Nomadischen" auf, die sich mit der Beziehung von Nomaden und Sesshaften auseinandersetzt. Nach Gemeinsamkeiten suchend, geht es den bildenden Künstlern darum, Stereotype aufzubrechen. Durch die Sprache unterschiedlicher Medien wie Installationen, Gemälde, Fotografien, Videoportraits, Psychogeographien, Wissenslandschaften und Textilverarbeitungen illustrieren 12 internationale Gegenwartskünstler, wie sich nomadisches Denken nicht nur in der Kunstproduktion, sondern auch im sesshaften Denken äußert.

Die sowohl künstlerischen als auch utilitaristischen Ansätze zu nomadischem Denken und Handeln fördern Affinitäten und Kontroversen zutage: auf der einen Seite die Sympathien der Künstler, die sich teilweise mit Nomaden identifizieren und deren Kultur und Lebensweise in ihre Werkkomplexe mit einbeziehen. Auf der anderen Seite das Interesse der Forschung, der Informatik und der Politik, das sich das nomadische Denken und dessen Bewegungsabläufe einverleibt, um damit neue intelligente Formen der Netzwerkanalyse, Kriegsführung und Kriminalitätsbekämpfung zu entwickeln.

Durch dieses breite Darstellungsspektrum führt die Ausstellung dem Betrachter auch den eigenen Umgang mit dem Fremden vor Augen und verheimlicht dabei nicht, dass die Grenze zwischen Erlebtem und Imaginierten auch durchaus fließend sein kann. Erfahrung und Fantasie verdichten sich in den gezeigten nomadischen Objekten zu neuen Bildern und Narrativen, die nicht nur neue Wahlverwandtschaften enthüllen, sondern dem Betrachter auch ungewohnte Lesarten abverlangen.

Mit: Daniel Baker, Joseph Beuys, Olaf Holzapfel, Bettina Hutschek, Damian Le Bas, Richard Long, Wilhelm Müller, Rémy Markowitsch, Ulrike Ottinger, Nada Sebestyén, Maja Weyermann, Akram Zaatari

Wahlverwandtschaften. Imaginationen des
Nomadischen in der Gegenwartskunst

5. Februar bis 20. Mai 2012

Museum für Völkerkunde
Rothenbaumchaussee 64
D 20148 Hamburg
T 0049 (0)40 428879-0

Öffnungszeiten:
Di bis So 10 - 18 Uhr
Do bis 21 Uhr



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Daniel Baker: Empress, 2007
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Joseph Beuys: Schlitten, 1969. Courtesy Edition Block, Berlin
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Olaf Holzapfel: Temporäres Haus, 2011
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Rémy Markowitsch: On Travel 075, 2004. Courtesy Galerie Eigen + Art, Berlin / Leipzig
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Ulrike Ottinger: Ringer auf dem Fest des Hammelbrustknochens, 1991. Courtesy Ulrike Ottinger