9. Juni 2008 - 3:36 / Ausstellung / Ethno 
8. September 2007 15. Juni 2008

St. Gallen beherbergt die einzige und bedeutendste völkerkundliche Sammlung im Grossraum zwischen Zürich, Stuttgart und München. Daher ist es dem Historischen und Völkerkundemuseum ein besonderes Anliegen, neben der Pflege der Sammlung auch völkerkundliche Sonderausstellungen zu veranstalten. So präsentiert es ab 8. September 2007 die weltweit grösste und vollständigste Sammlung indonesischer Wayang-Figuren.

Der Zoologe Walter Angst führte neben seiner Tätigkeit als international bekannter Affenforscher und Direktor des Affenbergs Salem in jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit diese Sammlung zusammen. Heute befinden sich etwa 18"000 Wayang-Figuren und mehr als 1"000 Objekte der Alltagskultur mit Wayang-Motiven im Besitz von Angst. Die konsequent und mit wissenschaftlicher Akribie zusammengetragene Sammlung überzeugt vor allem durch die lückenlose Übersicht von Wayang-Figuren aus Java und Bali, den Zentren des Wayang. Die Sammlung Walter Angst ist die umfangreichste ihrer Art und stellt daher auch einen wichtigen, fast unerschöpflichen Fundus für die Wayang-Forschung dar. Die aus der Beschäftigung mit der Sammlung gewonnenen Erkenntnisse fasste er in einer Publikation zusammen, die gleichzeitig mit der Ausstellung 2007 erscheint.

Das indonesische Wort Wayang hat drei Bedeutungen: Geist, Schatten und Ahne. Als Schatten erscheinen die Geister der Ahnen, mythologische Helden, Götter und Dämonen auf der Bühne. Dabei spielt nicht jedes Wayang mit dem Schatten, sondern auch ein Tanztheater kann so bezeichnet werden. Schattenspiele gibt es nicht nur in Indonesien, sie sind in Asien weit verbreitet. In vielen Ländern sind sie aber bereits verschwunden. Wayang-Schattenspiele dauern mehrere Stunden und finden traditionell während der Nacht statt. Gemäss javanischem Volksglauben wandeln die Seelen der Ahnen vor allem nachts auf der Welt umher. Wichtige Lebensabschnitte eines Menschen wie Geburt, erster Haarschnitt, Hochzeit u. ä. können von einer Aufführung begleitet werden. Der Ablauf einer Wayang-Geschichte wird als Allegorie des menschlichen Lebenslaufes gesehen. Ziel ist das Erreichen der kosmischen Harmonie im Spannungsfeld zwischen Gut und Böse.

Die Anfänge des Wayang liegen vor unserer Zeitrechnung. Für die Javaner waren die Götter die ersten Herrscher des Landes. Sie schenkten es den Menschen mit all den Gefahren der Natur. Um die Götter gut zu stimmen, erweisen die Bewohner diesen ihre Ehre und erflehen dafür auch die Hilfe der Ahnen. Als der Hinduismus nach Java kam, verschmolz die alte mit der neuen Götterwelt. Mit der Ankunft des Islam flossen auch persische und arabische Geschichten ins Wayang ein.

Eine Wayang-Aufführung wird von einem Gamelan-Orchester mit Sängerinnen begleitet. Es besteht aus Metallophonen, Schlaginstrumenten aus Holz, Streichinstrumenten, Trommeln und Flöten. Der Dalang dirigiert das ganze Theater. Er ist priesterähnlicher Spieler, Rezitator und Orchesterleiter in einer Person. Das Zusammenspiel von Dalang und Gamelan-Orchester steht stellvertretend für das Wesen der javanischen Gesellschaft, wo jeder seinen ihm vorgegeben Platz einnehmen und seine Pflichten erfüllen soll. Nur so sind Stabilität und Harmonie im engen Zusammenleben einer vielschichtigen Gesellschaft, wie der indonesischen, möglich.

Die Inhalte des Wayang basieren auf altjavanischen sowie altindischen und hinduistischen Legenden oder Epen. Aus dem vorderen Orient flossen auch arabische Erzählungen, mit dem Islam dessen religiöse und ethische Werte ins Wayang ein. Daneben finden sich chinesische Geschichten und Themen aus der Bibel. Nach der Unabhängigkeit Indonesiens 1945 kamen aktuelle politische Inhalte dazu.

Wayang-Kulit ist die beliebteste und am weitesten verbreitete Wayang-Form. »Kulit« bedeutet »Haut«. Die flachen, durchbrochenen und farbigen Schattenspielfiguren werden aus der Haut des Wasserbüffels oder des Rindes gefertigt. Beim Wayang-Kulit stellen die goldglänzenden Figuren die materielle Welt dar, ihre Schatten auf der Rückseite das Übernatürliche, die eigentliche Wirklichkeit. Die Balance zwischen positiven und negativen Kräften, zwischen kosmischer und weltlicher Ordnung, ist das Grundthema jeder Wayang-Aufführung.

Im Alltag spielt Wayang bis heute eine grosse Rolle. Menschen in Wirtschaft und Politik werden mit Charakteren des Wayang verglichen, Alltagsgegenstände mit Wayang-Figuren geschmückt, um deren Schutz und Beistand zu bekommen. Unternehmen tragen Namen beliebter Helden. Die indonesische Fluggesellschaft nennt sich Garuda, wie das Reittier des Gottes Vishnu. Das Wayang wurde vor allem in der höfischen Tradition gepflegt, da sich die Herrscher als Bewahrer der göttlichen Ordnung auf Erden verstanden. Doch auch in der ländlichen Kultur ist es tief verankert. Besonders mit den Panakawan (Spassmachern) fühlen sich die Bauern und Arbeiter verbunden.

In der Ausstellung werden alle wichtigen Teilaspekte des Wayang aufgezeigt. Ein Dokumentarfilm stellt den Sammler vor und entführt den Besucher nach Java, ins Zentrum des Wayang. Ein Gamelan-Orchester mit simulierter Doppelprojektion eines Schattenspiels vermittelt einen identischen Eindruck einer nächtlichen Aufführung. Auch die Herstellung der Figuren wird mit Objekten und einem Kurzfilm präsentiert. Gebrauchsgegenstände und Werke der zeitgenössischen Kunst mit Wayang-Motiven runden die Ausstellung ab.

Wayang - Licht und Schatten
8. September 07 bis 15. Juni 08

Völkerkundemuseum St. Gallen
Museumstrasse 50
CH - 9000 St.Gallen

T: 0041 (0)71 24206-42
F: 0041 (0)71 24206-44
E: info@hmsg.ch
W: http://www.hmsg.ch/

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