Kurt Bracharz

28. August 2006 - 14:10

Ja, mich kann er’s schon lange! Und viele andere auch. Es werden täglich mehr. Ungewöhnlich ist dieser Mut zur Wahrheit in der Wahlwerbung. So deutlich ist das Verhältnis zwischen Regierung und Regierten noch selten angesprochen worden. Vor allem ist es nicht das einzige Beispiel.

In diese »Wahrheitsreihe« (ich nenne sie mal so) gehört auch das Plakat der ÖVP, das Schüssel an der Tränke zeigt, daneben den Spruch: »Österreich. Hier geht’s uns gut.« Das kann man wohl sagen. In kaum einem anderen europäischen Staat ginge es einer Regierung wie dieser so gut. Das betrifft nun weniger den Kanzler selbst, dessen Machiavellismus ja zumindest in Staaten wie Frankreich oder Italien durchaus geschätzt würde. Aber in Skandinavien, Großbritannien und Deutschland hätte man z. B. den Finanzminister schon nach der Webseitenaffäre (die in Österreich nicht einmal eine Affäre war) mit nassen Fetzen aus dem Amt gejagt.

Und unfreiwillige Alleinunterhalter wie der ehemalige Sozialminister Haupt (erinnern Sie sich noch?) hätten in der Schweiz nun wirklich bloss im Kabarett auftreten können. In Österreich kann Elisabeth »Bildungskatastrophe« Gehrer eine weitere Amtszeit androhen, ohne dass Panik in den eigenen Reihen ausbricht. Nein, das Plakat sagt absolut die Wahrheit: In Österreich geht es den an der Macht befindlichen Politikern gut. Sehr gut. Zu gut. Es ist ihnen ganz kannibalisch wohl als wie ... nein, ich zitiere Goethe jetzt nicht zu Ende.

Einen ersten groben Missgriff hat allerdings der Taktiker Schüssel vielleicht doch mit der Aussage getan, er könne sich einen Vizekanzler Westenthaler vorstellen. Da gibt es möglicherweise mehr Wähler, als er glaubt, die sich das nicht nur nicht vorstellen können, sondern auch etwas dagegen tun möchten. Zum Beispiel nicht Schüssel wählen. Man kann sich ja leider nicht einmal darauf verlassen, dass das BZÖ ohnehin in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

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