Kurt Bracharz

27. März 2006 - 12:02

Welche Nation hat seit 1946 die meisten Kriege geführt? Die Enkel der Entnazifizierten wissen es ganz bestimmt (und ihre Eltern und die Entnazifizierten selbst, soweit sie noch leben, ohnehin): die USA! Steht ja auch in diversen Schwarzbüchern! Es stimmt aber trotzdem nicht.

Mit 21 Kriegen ist Großbritannien Nummer 1 der Statistik, an zweiter Stelle liegt mit 19 Frankreich. Erst dann kommen die Amerikaner mit 16 und schließlich die Sowjetunion bzw. Russland mit 9 Kriegen. Gemeint sind übrigens erklärte Kriege, keine Massenmorde im Zuge eines Pogroms in irgendeinem Hinterhof einer Drittweltnation.

In Vancouver gibt es an der University of British Columbia ein Institut namens Human Security Center, das in dreijähriger Arbeit einen »Human Security Report« erstellt hat, der mit Zahlen belegt, dass die Welt immer friedlich wird. Wer’s glaubt, wird möglicherweise selig. Die Studie zeigt, dass seit 1972 alles besser geworden ist, die Zahl der Kriegstoten pro Konflikt und Jahr sinkt stetig, was unter anderem an den UN-Friedensmissionen liegen soll. Das freut natürlich Kofi Annan, dessen enger Mitarbeiter bis 2001 der Projektleiter des Reports war.

Die Sache hat einen Pferdefuß: Die Studie berücksichtigt nämlich nur Kriege, an denen Regierungen beteiligt waren, lässt also jene immer weiter werdenden Räume (nicht nur in Afrika), in denen es keinen Staat mehr gibt, links liegen, und sie zählt nur die toten Soldaten oder Milizionäre. Die permanenten Massaker an Zivilpersonen fallen da offenbar nicht ins Gewicht. Ebensowenig die als Kriegsfolge an Krankheit oder Unternährung Sterbenden.

Mit der mit rational klingenden Zahlen untermauerten Meinung, die Welt sei friedlicher geworden, würde man beispielsweise in Darfour, im Kongo oder in manchen Gebieten Indonesiens wahrscheinlich doch eher Befremden erregen, aber für die westlichen Medien macht sie sich gut. Aber vielleicht ändern die nächsten Kriege die Statistik ja wieder. Wofür kaufen die Chinesen eigentlich ein U-Boot nach dem anderen?

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)