6. März 2010 - 2:23 / Ausstellung 
19. Dezember 2009 14. März 2010

Die Ausstellung "Wo ist der Wind, wenn er nicht weht? Politische Bildergeschichten von Albrecht Dürer bis Art Spiegelman" versammelt zum ersten Mal international politisch motivierte Bildergeschichten von der Erfindung der Buchdruckkunst bis heute. Es werden Beispiele einer demokratischen Bildsprache gezeigt, die allgemeine und offene Angebote darstellen, die sich zu allererst erzählerisch vermitteln. Das der Bildergeschichte eigene demokratische Bildverständnis kondensiert letztlich den Anspruch von Institutionen, in denen es um die Vermittlung von Kunst und die Überbrückung der Kluft zwischen Kunstproduktion und Publikum geht.

Das Projekt "Wo ist der Wind, wenn er nicht weht – Politische Bildergeschichten von Albrecht Dürer bis Art Spiegelman" will diese narrativen und partizipatorischen Momente aktivieren. Die Ausstellung erstreckt sich über die zwei Stockwerke des Kunstvereins in Hamburg. Während im Erdgeschoss in einer die Bildergeschichten bis zur klassischen Moderne gezeigt werden, stehen im Obergeschoss die jüngeren und unbekannteren Positionen der "visuellen Literatur" des 20. und 21. Jahrhunderts im Zentrum.

Die vorrangigste Aufgabe des Bildes sei, zu erzählen, hat Leon Battista Alberti 1435 in seinem Traktat "De pictura" postuliert und eine bis ins 19. Jahrhundert allgemeingültige Bildauffassung formuliert. Das Bild bedarf eines Bedeutungszusammenhangs in Form kollektiver Mythen oder allgemein bekannter historischer Ereignisse, um verstanden zu werden. Den aufschlussreichen narrativen Moment eines Bildes nannte Gotthold Ephraim Lessing in seinem Laokoon (1766) den "fruchtbaren Augenblick". Ging Lessing aber von einer Trennung zwischen Poesie und bildender Kunst aus, die der bildenden Kunst die Zeitlichkeit absprach, so stellt sich die Bildergeschichte einer solchen Auffassung entgegen. Da sie "gelesen" werden muss, dehnt sich die Rezeption ins Zeitliche des Nacheinanders aus und eröffnet die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Bild und Text, die ihr implizit strukturell zugrunde liegt und sich explizit beispielsweise in Bilderbögen und Comics findet.

Mit der Erfindung der Buchdruckerkunst mit beweglichen Metalllettern im 15. Jahrhundert durch Johannes Gutenberg war die Voraussetzung für die industrielle Herstellung und massenhafte Verbreitung von Texten und Bildern geschaffen. Eine Folge der Reproduktionsmöglichkeiten war die Demokratisierung des Wissens. Bildbezogene Flugschriften erlangten beachtliche politische Bedeutung und bereiteten der Aufklärung den Boden. Die Entwicklung der Drucktechnik und der damit verbundenen Reproduktionsmöglichkeit einer Bildsprache vermochte ein größeres Publikum anzusprechen. Hatte das Mittelalter noch Großformate wie Wandteppiche oder Glasmalereien benötigt, um grafisch zu erzählen, genügte nun ein kleines Blatt Papier. Das Erzählprinzip des Bilderzyklus emanzipierte sich von der Kirchenwand und erlangte nach und nach auch mit weltlichen Themen zunehmende Popularität.

Den eindrucksvollsten frühen Zyklus schuf Albrecht Dürer 1498 mit seinen 32 Holzschnitten zur Apokalypse, die er selbst in Buchform herausgab. Anders als im Simultanbild und den frühen, aneinander reihenden Erzählbildern besteht das Besondere dieser bildlichen Erzählform darin, jede Szene als in sich geschlossenes, eigenständiges Kunstwerk zu komponieren, sie gleichzeitig mit weiteren, ebenfalls autonomen Szenen zu verknüpfen, die in der aufeinander folgenden Betrachtung eine übergeordnete Geschichte ergeben. Dem einzelnen Blatt der Druckgrafik korrespondiert später in gewisser Form das einzelne Feld des Comicstrips.

Eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Bildergeschichte, wie sie heute jedem bekannt ist, spielte der Aufstieg der Tageszeitung zum Massenmedium. 1889 führte Joseph Pulitzer in Amerika illustrierte Unterhaltungsbeilagen in den Sonntagsausgaben ein – eine sich rasch fortsetzende Erfolgsgeschichte, die dem deutschen Bilderbogen korrespondiert. Der Farbdruck, der sich ab 1893 durchsetzte, förderte den Bildhunger weiter. Zu den hoch beliebten Beilagen ist zum Beispiel Lyonel Feiningers The Kin-der-Kids aus dem Jahr 1906 zu zählen. Das allgemein zugängliche Bild half, in dem ethnischen Gemisch der rasch wachsenden amerikanischen Ballungszentren das Gefühl einer gemeinsamen Identität zu erzeugen.

Im 20. Jahrhundert findet sich eine Vielzahl von Beispielen, in denen Künstler an die Form historischer Bildergeschichten anknüpfen, wie Pablo Picasso mit "Sueno y mentira de Franco / The dream and lie of Franco" (1937), die aber zugleich in die Nähe "populärer" Bildergeschichten rücken und beides mit einer politischen Haltung verknüpfen. Der Standpunkt des Künstlers bleibt dem Betrachter gegenüber demokratisch und erlaubt individuelles "Lesen". Raymond Pettibon oder Jake und Dinos Chapman, als Beispiele aktueller Gegenwartskunst hier stellvertretend genannt, verlagern die Bildergeschichte von der tatsächlichen Narration hin zu einem Spiel der Zeichen voll identifikatorischen Potentials. Die Offenheit der Bildergeschichte ermöglicht ihre Zugehörigkeit zum Gebiet der Kunst, die Präsenz in Tageszeitungen und das Ansprechen eines unterschiedlichen Publikums über Generationsunterschiede und kulturelle Grenzen hinweg.

Die Bildergeschichte ist die demokratischste aller Kunstformen, weil jeder sie "lesen" und verstehen kann. In ihr ist ein Vermittlungsmoment schon grundsätzlich angelegt, indem sie keine kulturgeschichtliche Kenntnis und Vertrautheit mit Sujets oder Kompositionsprinzipien und allegorischen Gehalten voraussetzt. Stattdessen verknüpft die Bildergeschichte einzelne Szenen zu einem bildlichen "Text", der zwar nicht notwendig alles sagt, aber dessen Zwischenräume assoziativ und durch Einbringen der Person des Betrachters zu einer Geschichte angefüllt werden können.

Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?
Politische Bildergeschichten von Albrecht Dürer bis Art Spiegelmann
19. Dezember 2009 bis 14. März 2010

Hamburger Kunstverein
Klosterwall 23
D - 20095 Hamburg

T: 0049 (0)40 32 21 57
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Gerd Arntz; Kasernenbesetzung, 1931. Woodcut, 50,5 x 35 cm. Collection International Institute of Social History, Amsterdam
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Gerd Arntz / Otto Neurath; Mengenvergleiche; Signaturen der Bildstatistik nach Wiener Methode, (Datum unbekannt). Druck, 126 x 84 cm. Collection International Institute of Social History, Amsterdam
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Öyvin Fahlström; Modell for Meatball Curtain, 1970. Sammlung Falckenberg
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Lyonel Feininger; The Kin-Der-Kids, 29.4.1906. Chicago Tribune. San Francisco Academy of Comic Art Collection; The Ohio State University Cartoon Research Libray
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Winsor McCay; Little Nemo in Slumberland, 15.7.1906. Woody Gelman Collection, The Ohio State University Cartoon Libray and Museum
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Henry Moore; Shelter Sketch Book, 1967. Faksimilie nach Zeichnungen. Museum der Moderne Salzburg; Foto: Hubert Auer