Kurt Bracharz

6. November 2006 - 15:11

Der Kunde fragt den Autohändler, was passiere, wenn man mit einem großen Wagen in eine Gruppe von Zigeunern fahre. Der Händler erwidert ohne Zögern, das komme ganz auf die Geschwindigkeit und die Größe der Gruppe an. Auf die Frage desselben Kunden bei einem Waffenhändler, was zur Verteidigung gegen Juden nütze, empfiehlt dieser eine 9-mm oder einen 45er.

Das sind Szenen aus dem Film »Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan«, Regie: Larry Charles, Hauptdarsteller: Sacha Baron Cohen. In Deutschland meinte ein Zigeuner-Sprecher, hinter diesem Film steckten Neonazis, aber Cohen ist der Sohn eines Walisers und einer iranischen Jüdin, Cambridge-Absolvent mit einer Abschlussarbeit über jüdische Aktivisten in der US-Bürgerrechtsbewegung, Zionist, Fernsehkomiker bei BBC (»Da Ali G. Show«, in der er nicht nur als Gangsta-Rapper Ali G. und als kasachischer Reporter Borat Sagdiyev, sondern auch als schwuler österreichischer Modejournalist Bruno auftrat) und seit vielen Jahren in der britischen Anti-Rassismus-Allianz aktiv. Er wohnt heute mit seiner zum Judentum konvertierten Frau, der Schauspielerin Isla Fisher, in dem Land, das in dem Film am schlechtesten wegkommt: in den USA.

Die Kasachen sind da allerdings anderer Ansicht, das (tatsächlich in Rumänien gedrehte) Kasachstan des Films ist zwar so jenseitig, dass man denken würde, jeder erkenne die Satire, Präsident Nursultan Nasarbajew soll sich aber angeblich bei seinem Besuch im Weißen Haus bei George Bush über Borat beschwert haben. (Borat/Cohen erklärte daraufhin vor der kasachischen Botschaft in Washington, sein Präsident befinde sich auf P.R.Tour für ihn.) Der Vertriebsmanager der größten kasachischen Kinokette erklärte den Film für »Lüge und beleidigenden Unsinn«. Jetzt wird angeblich für 50 Millionen Dollar mit »Nomade« eine Art Gegendarstellung gedreht.

Die Jewish Anti Defamation League hat also nicht Unrecht, wenn sie sich wegen falscher Lesarten der Filmsatire Sorgen macht.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)