2. Juli 2009 - 3:48 / Bühne / Musiktheater 

Unzertrennlich wie Zwillinge scheinen die beiden Kurzopern "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci"; seit der Verleger Sonzogno die beiden so überaus erfolgreichen Stücke im September 1892 in Wien erstmals zu einem Abend kombinierte, ist das eine selten ohne das andere zu erleben. Begonnen hatte alles 1888 mit einem Wettbewerb, ausgeschrieben von eben diesem Eduardo Sonzogno zur Förderung junger Komponisten und zur Wiederbelebung des brachliegenden italienischen Opernschaffens. Eingereicht werden sollten unveröffentlichte Opern Einakter.

Pietro Mascagni, damals Musiklehrer, Leiter der Stadtkapelle in einer süditalienischen Kleinstadt und erfolgloser Komponist, entschied sich für die Teilnahme und komponierte "Cavalleria rusticana" nach einem Stoff des dem Realismus verpflichteten, in Italien sehr renommierten Schriftstellers Giovanni Verga. Zunächst hatte Mascagni an einem anderen Stoff Gefallen gefunden, sich dann aber durch seinen Librettisten Giovanni Targioni-Torzetti bereitwillig von der dramatischen Qualität der "Cavalleria" überzeugen lassen. Die geradlinig erzählte Geschichte der von der Dorfgemeinschaft ausgestossenen Santuzza, die aus Eifersucht und Verzweiflung das Verhältnis von Turiddu und Lola an deren Ehemann Alfio verrät und damit eine Katastrophe provoziert, inspirierte den 27jährigen Mascagni zu einer dramatisch packenden, hochexpressiven Musik. Er gewann den ersten Preis des Wettbewerbs und wurde über Nacht berühmt.

Die Uraufführung der "Cavalleria rusticana" 1890 in Rom geriet mit angeblich über 60 Vorhängen zu einem sensationellen Erfolg; innerhalb eines Jahres war die Oper auf allen bedeutenden Bühnen des In- und Auslands zu sehen, und Mascagni wurde als "Heilsbringer" der italienischen Oper gefeiert. Allerdings gelang es ihm trotz 15 (!) weiteren Werken für das Musiktheater später nicht, an diesen Triumph anzuknüpfen. 1945 starb er verarmt, verlassen und enttäuscht in einem schäbigen Hotel in Rom.

Beeindruckt von dem überwältigenden Erfolg, den Mascagni mit "Cavalleria rusticana" erzielt hatte, beschloss der sechs Jahre ältere Leoncavallo, es ebenfalls mit einer Kurzoper zu versuchen, da es mit seiner stark von Wagner beeinflussten Oper "I Medici" nicht recht vorwärtsgehen wollte. Leoncavallo, ein begabter Schriftsteller, entwarf das Libretto zu seiner neuen Oper selbst und liess sich dabei von Catulle Mendès’ Schauspiel "La Femme de Tabarin" inspirieren – was ihm später einen unangenehmen Plagiats-Vorwurf einbringen sollte. Einen besseren Opernstoff hätte er allerdings kaum finden können, bietet dieser doch alles, was der Komponist sich wünschen konnte: ein Eifersuchtsdrama in einer fahrenden Komödientruppe um die schöne Nedda, das mit deren Ermordung und der ihres Liebhabers endet.

Die Aufführung der Komödientruppe führt als "Theater im Theater" zu einem schwindelerregenden Wechselspiel von Fiktion und Realität. Und der Prolog, angeregt von dem berühmten Bariton Victor Maurel, liest sich wie das Credo der veristischen Oper: "Der Autor will euch ein Stück Leben zeigen. Sein Grundsatz heisst: Der Künstler ist ein Mensch und soll für Menschen schreiben. Und aus dem wahren Leben hat er seinen Stoff geholt." Nach der Lektüre des Librettos erteilte Sonzogno Leoncavallo den Kompositionsauftrag, nur fünf Monate später war die Oper fertig. Die Uraufführung 1892 in Mailand brachte Leoncavallo den erhofften Triumph. Doch auch er, der fünf weitere Opern schrieb und sich auch auf dem Gebiet der Operette versuchte, sollte diesen Erfolg nie mehr erreichen. Und als neuer italienischer Nationalkomponist ging weder Mascagni noch Leoncavallo in die Geschichte ein, sondern - Giacomo Puccini.bb

Den italienischen Dirigenten Stefano Ranzani, – an allen grossen Opernhäusern der Welt zuhause –, kennt das Zürcher Opernpublikum seit seinem Dirigat von Umberto Giordanos "Fedora" sowie von Verdi-Interpretationen wie "Stiffelio", "La Traviata" und "Un ballo in maschera". Mascagnis "Cavalleria rusticana" dirigierte er hier bereits vor sieben Jahren, damals allerdings in der Kombination mit Jules Massenets Oper "Thérèse".

Für Stefano Ranzani ist das Charakteristische von Mascagnis und Leoncavallos Partituren in erster Linie darin zu sehen, dass sich beide Komponisten stark an der italienischen Operntradition orientierten und gleichzeitig in der Musikgeschichte Neuartiges erfanden. So gibt es in beiden Opern zwar immer wieder ariose Inseln, kurze Duette oder populäre Chorpassagen, aber die Werke sind gleichermassen von ungewohnt schnellen und schroffen musikalischen Wechseln bestimmt. Die strenge Abfolge Rezitativ-Arie-Cabaletta oder sogenannte "Arie del sorbetto", also Arien, bei denen das Publikum ruhig den Zuschauerraum verlassen konnte, um schnell ein Sorbet zu schlürfen, sucht man in veristischen Opern vergebens: Wichtige Handlungsmomente werden rasch und ohne Umschweife abgehandelt und haben keinerlei musikalische Folgen. Als Beispiel weist Ranzani auf Turiddus gewaltsamen Tod hin, dem nur noch ein paar Takte Orchesternachspiel folgen – dann fällt auch schon der Vorhang.

Das Ziel von veristischen Opern ist es, das Publikum sofort zu berühren und es betroffen zu machen. "Jetzt liebst du und morgen tötest du" – das ist typisch süditalienisches Temperament, so Ranzani. Eine Aufgabe des Dirigenten liegt nun darin, diese wilden Leidenschaften nicht noch mehr zu übertreiben, denn alles steckt schon in der Musik. Eine weitere stilistische Eigenheit beider Opern ist gemäss Ranzani die unglaublich farbige Instrumentation, die sich deutlich von früheren italienischen Opern des 19. Jahrhunderts absetzt und die einen grossen Einfluss auf Komponisten wie Puccini und Giordano hatte – zumindest in deren frühen Werken. Mascagni und Leoncavallo haben dadurch ganz neuartige musikalische Gemälde entworfen. Um diese Bilder zum Leuchten zu bringen, erachtet es Ranzani als selbstverständlich, sich neben den "vielen roten Farbflecken" auch um die Zwischentöne, die "blauen, grünen und gelben Farben", zu kümmern. Für den Zuhörer interessant dürfte auch Verdis Einfluss sein; so sind bei beiden Kurzopern vor allem Anklänge an dessen "Otello" herauszuhören, der nur wenige Jahre vor "Cavalleria rusticana" und "Pagliacci" uraufgeführt wurde.

Ranzani, der sich vor allem als "Koordinator von musikalischen Energien" sieht und einen diktatorhaften Maestro als nicht mehr zeitgemäss empfindet, geniesst die Arbeit mit dem Chor und dem Orchester der Oper Zürich jedes Mal. Die Musiker zeigten sich unglaublich kooperativ und motiviert. Sie sind fähig, sehr "italienisch" zu spielen und haben keine Probleme, ein veristisches "ritenuto" oder "accelerando" richtig zu treffen, das notabene ganz anders zu spielen ist als etwa bei Mozart, Wagner oder Strauss. kb


Cavalleria rusticana / Pagliacci
In italienischer Sprache mit deutscher Übertitelung
Premiere: Samstag, 6. Juni, 19.00 Uhr

Mit: Paoletta Marrocu (Santuzza), Cornelia Kallisch (Mama Lucia), Liliana Nikiteanu (Lola); Jose Cura (Turiddu), Cheyne Davidson (Alfio); Fiorenza Cedolins (Nedda); Jose Cura (Canio), Carlo Guelfi (Tonio), Martin Zysset (Peppe), Gabriel Bermudez (Silvio)

Weitere Vorstellungen:
09. Juni 19.30 Uhr
11. Juni 19.00 Uhr
14. Juni 20.00 Uhr
17. Juni 19.00 Uhr
19. Juni 19.00 Uhr
21. Juni 14.00 Uhr
26. Juni 20.00 Uhr
03. Juli 19.00 Uhr
08. Juli 19.30 Uhr

Opernhaus Zürich
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Pagliacci: Gabriel Bermudez, Fiorenza Cedolins. (c) Suzanne Schwiertz
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Pagliacci: Carlo Guelfi, José Cura. (c) Suzanne Schwiertz
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Pagliacci: Fiorenza Cedolins. (c) Suzanne Schwiertz
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Cavalleria rusticana: Liliana Nikiteanu, José Cura. (c) Suzanne Schwiertz
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Cavalleria rusticana: José Cura, Chor der Oper Zürich. (c) Suzanne Schwiertz